Jürgen Lagger Home

Am Samstag hab ich meinen Kugelschreiber verloren. Also es war kein teurer Kugelschreiber (und ich hab auch nicht nur den), aber trotzdem, es war mein liebster, ein Pilot BP-S Matic Kugelschreiber Fein, in schwarz.

Ich bin am Rand des Donaukanals gesessen, hab die Füße ins Wasser gehalten und hatte mir zuvor, als ich noch auf den Stufen saß, die Knie angezogen, den Kugelschreiber von unten in die Hosenröhre der Short geschoben und dann natürlich drauf vergessen, dass er dort klemmte. Ich hab ihm auch noch, als er ins Wasser gefallen war, einen gedehnten Augenblick lang nachgeschaut, bis ich endlich erkannt habe, was da nach unten sinkt. Kurz schien er knapp unter der Wasseroberfläche schweben zu wollen, vielleicht sah das auch durch die Brechung nur so knapp aus, denn als ich schließlich doch meinen Arm ins Wasser streckte, war er zu kurz, den Stift noch zu erreichen; dann ein paar Mini-Luftbläschen, die oben aus der Plastikhülse kamen, dann sank er zielstrebig mit der Spitze voran nach unten.
Ich hatte mich ja dort an das Ufer des Donaukanals zurückgezogen, um ein Buch zu lesen, Zwei Menschen, von Donald Windham, und war an einer der Stellen, an denen zwei Stiegenanlagen gegenläufig vom Kai zum Wasser hinunterführen, hinuntergegangen, um dort auf einer der Stufen mein Lager aufzuschlagen. Ich saß ziemlich genau an der Stelle, an der in dem Film Before Sunrise dieser „Poet“ sitzt, der Ethan Hawke und Julie Delpy auf Nennung eines Wortes hin ein Gedicht schreibt, in dem dieses Wort auch vorkommt. Eine unglaublich blöde Szene, überhaupt der ganze Film ein Ärgernis. Die beiden haben nur genau eine Nacht miteinander in Wien, und reden und reden und reden, und nach einer halben Stunde denkt man nur noch, sie möchten doch endlich miteinander schlafen, damit dieses pubertäre Geschwätz endlich aufhörte.
Jedenfalls saß ich an dieser Stelle; mit hatte ich außer dem erwähnten Kugelschreiber noch das erwähnte Buch und als Proviant eine Flasche Wasser, Dinkelwaffeln, die wie Papier schmecken (weil ich mir unbedingt in diesem Bio-Supermarkt was kaufen wollte und die billig waren), und zwei Tetrapaks Sauce Hollandaise. Die Sauce Hollandaise nicht wirklich für dort, sondern für am Abend, obwohl, die hätte den Puffwaffeln auch ganz gut getan. Egal, ich bin nicht lange dort gesessen, als sich rechts oben zwei junge Männer hingesetzt haben, die sich unterhielten, wobei, unterhalten ist nicht ganz richtig, eigentlich sprach immer nur der eine, während der andere lauschte und nur hin und wieder was entgegnete, zu leise, um es von meinem Platz aus zu verstehen. Nummer eins sprach aber laut vernehmlich, ein wenig zu laut sogar, norddeutsches Idiom, oder, wie meine Mutter sagen würde, Reichsdeutsch. Nach einer Weile hatte ich die beiden aber halbwegs ausgeblendet und es ging mit dem Lesen ganz gut voran. Dann kamen zwei Pärchen, so um die Mitte Fünfzig, die setzten sich links oben, an die andere Treppe, und begannen sich gegenseitig anzubrüllen, wiewohl der Inhalt ihrer Gespräche gleichermaßen dämlich wie freundlich war. Ich halte Lautstärke ja für ein generell unterschätztes Problem. Die Herrschaften kamen aus Bayern und ich halte das ja auch ein wenig für ein deutsches Problem, das mit der Lautstärke. Also Italiener sind auch laut, aber das ist ganz was anderes, das ist wie Kinder beim Spielen, aber die Deutschen, die nehmen ja auch immer gleich soviel Raum ein, das ist so ein bisschen wie, heute Deutschland, und morgen, naja. Ich weiß jetzt auch nicht, wie ich da drauf komm. Vielleicht, weil der 8. Mai war, und weil an diesem Tag am Heldenplatz ein Opfergedenken der Burschenschafter stattfand. Nicht für die Opferopfer, sondern für alle Opfer, auch für die Täteropfer, weil der Opferopfer, der wird sowieso ständig gedacht, der Täteropfer aber nicht, das ist doch, finde ich, ein schöner Gedanke, weil schließlich, auch Nazis lieben ihre Kinder. H.C. Strache sollte die Festrede halten, tats dann aber doch nicht, naja, der kann auch nicht überall sein, wo jemand seine Kinder liebt.
Oben, am Ring, schien irgendeine Parade umzugehen, also von herunten sah man nichts, nur die Untersicht der Brücke, aber man hörte das Brummen von LKWs und irgendwelche laut wummernden Techno-Beats, die einem das Brustbein so merkwürdig schwingen lassen. Dass immer irgendwo etwas sein muss. Vis a vis, über dem Kanal, war z.B. auch noch eine Hochzeitgesellschaft, die jetzt auf der Terrasse der Urania bunte Luftballons in die Höhe steigen ließ, das sah hübsch aus, jeder mit einem Zettel unten an der Schnur. Es ging ein wenig Wind, aber die meisten schafften den Höhenflug gleich und ich schaute ihnen nach, bis sie so klein wurden, dass mir die Augen tränten; einer, der orangene, blieb oben über der Kreuzung an einer Straßenlaterne hängen und hat noch vergeblich an seiner Leine geruckt und gerissen, als es schon dämmerte und ich nach Hause gegangen war; der rosarote war vom Wind unter die Brücke gedrückt worden, hatte sich dort in der Untersicht verfangen; bis der Twin-City-Liner vorbeifuhr und irgendein Luftwirbel den Ballon erfasste, ihn zwar unter der Brücke hervorriss, aber zugleich auch nach unten zwang, bis das Wasser den Zettel an der Schnur erfasste, und da gab es jetzt auch kein Loskommen mehr, immer tiefer ging es, je schwerer das durchnässte Papier nach unten zog, dann schwamm der Ballon am Wasser, wie festgeklebt.
Der Twin-City-Liner, der fährt direkt von Wien nach Bratislava und retour. Das kann dem H.C. Strache eigentlich auch nicht gefallen, dass man jetzt die slowakischen Horden so direkt hierher befördert, also quasi eine Direktdurchmischung von Innenstadt zu Innenstadt, als wären die jetzt willkommen, dachte ich mir, als das Schiff an mir vorbeifuhr. An Deck spielte eine Band und es tanzten ein paar Leute mit einem lebensgroßen Plüschtiger, es wurde gelacht und laut gescherzt, die slowakischen Horden waren gut integriert und sprachen alle spanisch und winkten mir zu, der Plüschtiger auch, ich hab keine Ahnung, warum Menschen und Tiger auf Schiffen immer winken müssen, aber ich winkte zurück, man weiß ja nie, und da klappte der Tiger seinen Kopf nach hinten und es war eine Tigerin. Und da ist mir dann das mit dem Kugelschreiber passiert: Als die Wellen des Schiffs an die Kaimauer platschten bin ich wohl zurückgezuckt, weil das Wasser kalt war an den Beinen und dabei ist der Kugelschreiber in sein Verderben gerutscht. Ich bin dann zurück auf meinen Platz auf den Stufen, aber da war mir der Ort schon einigermaßen verleidet. Oben an der einen Treppe saß jetzt nur noch der eine junge Mann, der vorhin so laut gesprochen hatte. Jetzt war er allein, und irgendwie sah er ein bisschen traurig aus, als er so aufs Wasser schaute, und als er so still war, da fand ich ihn plötzlich doch ganz sympathisch, und da hätte es mir plötzlich gefallen, ihn zu fragen, ob er mir ein Wort sagt und ich mach dann draus ein Gedicht, aber ich hatte ja keinen Kugelschreiber mehr.
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